Das Problem: Jede Standardsoftware ist eine Insel
Typischer Betrieb: eine Business-Software für Aufträge und Kunden, ein Ticketsystem für Anfragen und Störungen, dazu Buchhaltung, E-Mail, vielleicht ein Lager- oder Zeiterfassungssystem. Jedes Programm macht seinen Job — aber jedes speichert seine Daten für sich.
Das ist kein Einzelfall, sondern die Regel: Erhebungen zur Anwendungslandschaft in Unternehmen — etwa der Connectivity Benchmark von MuleSoft — zeigen Jahr für Jahr, dass nur eine Minderheit der eingesetzten Programme tatsächlich miteinander verbunden ist und dass Datensilos als eine der größten Hürden für Automatisierungs- und KI-Vorhaben gelten. Im Mittelstand sieht es strukturell genauso aus, nur mit weniger Systemen.
Ein Beispiel aus der Praxis: Das Wissen stirbt im geschlossenen Ticket
Fall aus meiner Arbeit (anonymisiert): Ein Betrieb arbeitet mit einer Business-Standardsoftware für Aufträge und Kunden. Support-Anfragen laufen daneben in einem Ticketsystem. Ein Kollege löst ein kniffliges Problem, dokumentiert die Lösung sauber im Ticket — und schließt es. Ab da ist dieses Wissen praktisch tot: Wer ein halbes Jahr später am selben Kunden oder am selben Fehler sitzt, arbeitet in der Business-Software und sieht dort nichts davon. Er löst das Problem noch einmal — oder fragt den Kollegen, der es damals wusste, wenn er noch da ist.
Die Lösung war keine neue Software und kein Wechsel: eine kleine Integrationsschicht, die beide Systeme über ihre Schnittstellen verbindet. Beim Kunden in der Business-Software sind die zugehörigen Tickets samt Lösungen sichtbar; geschlossene Tickets sind kein Grab mehr, sondern ein Nachschlagewerk.
Warum können die Hersteller das nicht einfach selbst?
Drei ehrliche Gründe:
- Fokus: Standardsoftware wird für den Massenmarkt gebaut. Der Hersteller kennt Ihre zweite Software nicht — und baut keine Spezialanbindung für jede Kombination.
- Interesse: Viele Anbieter verkaufen lieber ihr eigenes Zusatzmodul, als das System des Wettbewerbers anzubinden.
- Individualität: Selbst wenn es einen Standard-Connector gibt, passt er selten auf die eigenen Abläufe — welche Felder, welche Richtung, was gilt bei Konflikten?
Was Hersteller aber fast immer liefern: eine Schnittstelle (API) — die Steckdose. Die dritte Softwarelösung ist das Kabel mit dem passenden Stecker auf beiden Seiten.
Was ist diese „dritte Softwarelösung“ konkret?
Formen, vom Kleinen zum Großen:
- Einbahnstraße: System A schiebt Daten regelmäßig nach System B (zum Beispiel neue Aufträge ins Ticketsystem).
- Synchronisation: beide Richtungen, mit klaren Regeln, wer bei Konflikten gewinnt.
- Anreicherung: die Brücke zeigt Daten aus B direkt in A an (das Ticket-Wissen beim Kunden).
- Automatisierung obendrauf: wenn die Daten erst fließen, lassen sich Folgeschritte automatisieren — bis hin zur KI-Wissensdatenbank, die auch die Ticket-Historie durchsuchbar macht.
Wichtig fürs Erwartungsmanagement: Das ist keine dritte „große“ Software mit eigener Oberfläche für alle — im Idealfall sieht kein Mitarbeiter sie je. Sie läuft im Hintergrund.
Verbinden, ersetzen oder neu bauen — was ist wann richtig?
Faustregel aus der Beratungspraxis:
- Verbinden, wenn beide Systeme ihren Job gut machen und nur das Zusammenspiel fehlt. Kleinster Eingriff, schnellster Nutzen, Mitarbeiter behalten ihre gewohnten Programme.
- Ersetzen oder erweitern, wenn eines der Systeme auch für sich genommen nicht mehr passt — dann erst die Make-or-Buy-Frage stellen.
- Neu bauen nur, wenn der Prozess selbst das Alleinstellungsmerkmal ist.
Woran erkenne ich, dass mein Betrieb eine Integrationslösung braucht?
- Dieselben Daten werden in zwei Programme eingetippt (Kunden, Aufträge, Artikel).
- „Schau mal im anderen System nach“ ist ein normaler Satz im Alltag.
- Gelöste Probleme werden mehrfach gelöst, weil niemand die alte Lösung findet.
- Auswertungen entstehen per Copy-and-paste in Excel, weil kein System alles kennt.
- Eine Automatisierungs- oder KI-Idee scheitert daran, dass die Daten verstreut sind.
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